Menschlichkeit durch Musik vermitteln

Eröffnung des 9. Wiener Filmfestivals in Jekaterinburg

Quelle: Kultura Yekaterinburg

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Das 9. Wiener Filmfestival wurde am 26. Juli eröffnet und fand am Kirow Platz, mit der Uralischen Föderalen Universität im Hintergrund, statt. Die erste Veranstaltung durfte das Oberton String Octet gestalten, wodurch die Tradition, dass in Russland debütierende Ensembles das Festival eröffnen, fortgesetzt wurde.

Im Umkreis von zwei Häuserblöcken rund um den Kirow Platz bildeten sich Menschenmassen, die immer größer wurden, je näher sie sich dem Festivalgelände näherten. Eine halbe Stunde vor dem Konzert waren nicht nur alle Sitzplätze, sondern auch der Rasen vor der Bühne besetzt – ein Zulauf an Besuchern, der doch nicht alltäglich war. Nach den Eröffnungsreden und Danksagungen an alle Sponsoren, betrat das Oberton String Octet die Bühne und Musik begann den Kirow Platz zu füllen und zu beleben.

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Das Konzert wurde mit der Ouvertüre zur Operette Die Fledermaus von Johann Strauß Sohn eröffnet. Die leichte und atmosphärische Musik ließ das Publikum im Geiste zur Walzermusik tanzen, manch ein Zuhörer schunkelte auch freudig hin und her, mit der Vorstellung, durch die Straßen der Wiener Altstadt zu schlendern. Der Klang des Oberton String Octet füllte das Areal vor der Uralischen Föderalen Universität, was einen Effekt der erweiterten Realität entstehen ließ. Kenner des Sommernachtkonzertes der Wiener Philharmoniker konnten die frappierende Ähnlichkeit der beiden Veranstaltungen bewundern, denn im Detail ähnelte sich das Konzert am Kirow Platz und das im Garten des Schlosses Schönbrunn stark: Hummeln brummten auf den weißen Petunien, welche stärker als ein Sonnenuntergang rochen, Vögel umkreisten die in der Luft schwebende Drohne, welche scheinbar auch ein Ohr für Musik hatte, kleine Mädchen in weißen Kleidern und Karnevalsmasken tanzten zu den Walzerrhythmen und ältere, huttragende Damen verloren sich nachdenklich in der Tiefe der Zeit.

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Danach gab die Harmonie des 20. Jahrhunderts plötzlich dem Chaos des 20. Jahrhunderts nach. Selbst ohne sicher zu wissen, dass das Oktett ein Werk von Dmitri Schostakowitsch angestimmt hatte, vermuteten die in der Nähe sitzenden jungen Zuhörer sofort, dass der Stil der Musik nun dem des 20. Jahrhunderts entsprach. Schostakowitschs Arbeit für Streichoktett ist voll von Chaos und im Einklang mit der zeitgenössischen Welt, die musikalische Erzählung ist gebrochen und nicht linear, wobei Dissonanzen im Gegensatz zu Harmonien stehen und sich wie Stacheldraht durch das harmonische Gefüge hindurchdrängen. Schostakowitschs Musik steht im Gegensatz zu Strauß symbolhaft für den Schmerz der Menschheit und dafür, dass die Harmonie in der Welt, wenn sie nicht in den Seelen der Menschen vorhanden ist, keine Chance hat zu bestehen.

Die ausgedehnte Stadt im Sommer, die scheinbare Ruhe und Erhabenheit der stalinistischen Architektur, die Blumen und die Atmosphäre eines Picknicks auf dem städtischen Rasen in Kombination mit Strauß´ entspannender und sich selbst verherrlichender Musik trugen dazu bei, dass Schostakowitschs komplizierte Musik, trotz der Tatsache, dass es unmöglich ist, das Leben ohne Chaos als eines seiner grundlegenden Gesetze zu akzeptieren, sehr genau verstanden wurde. Ohne dieses Verständnis der Chaos-Theorie würde man sein gesamtes Leben wie ein Eichhörnchen in einem Käfig herumlaufen, das die Befehle anderer Menschen ausführt und dies als eigene Wünsche wahrnimmt.

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Das nächste Werk, Mendelssohns berühmtes Oktett, stellt unseren Glauben an die Größe der Seele des Menschen wieder her. Symbolhaft dafür: der Humanismus. Wir hören Musik, die sich für einen Park in der Nähe eines wunderschönen alten Schlosses eignet, wie zum Beispiel dem Schloss Peterhof oder einem prächtigen Schloss in Wien. Wir sind zuversichtlich für die Gegenwart und Zukunft, es ist kein absoluter, blinder Glaube mehr, sondern Vertrauen in die Menschheit und in unsere eigenen Ressourcen. Diese Vitalität und Harmonie kommt nicht von außen, sondern vielmehr von innen. Die Architektur dieser Musik mit ihrem komplizierten aber harmonischen Gebilde, öffnet inneren Weiten – die Weiten der Seele, in denen es entweder ausgebrannte Ruinen oder einen prächtigen Palast gibt.

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Das Oberton String Octet widmete den zweiten Teil des Konzerts der Volksmusik. Volksmusik in dem Sinn, dass sie den Charakter und die nationalen Stile eines jeden Landes in vollen Zügen zum Ausdruck brachten. Alle acht Musiker der Gruppe kommen aus verschiedenen Ländern. Das slowenische Volkslied „Dajte, Dajte“ (die Violinistin Veronika Brecelj stammt aus Slowenien), das für das Oktett transkribiert wird, ist eine leichte und optimistische Melodie, zu der wahrscheinlich getanzt wurde. Es war unmöglich, dem Rhythmus zu widerstehen und stillzuhalten, was man bei den Kindern im Publikum sofort sah. Die lettisch-lyrische Melodie „Saule, Perkons, Daugava“ porträtierte Nostalgie, Bewunderung des Heimatlandes und die Wahrnehmung des eigenen Selbst als Teil des größeren Ganzen. Dann, als die Musiker anfingen, die kolumbianische Nationalmelodie „Prende La Vela“ zu spielen, beförderte es die Gäste des Festivals plötzlich in die Weiten der amerikanischen Prärie, aus der der Cellist Sebastian Mendoza stammt. Die Melodie, gespickt mit komplizierten Rhythmen und Timbre, zeigte die Hitze und den Starsinn Kolumbiens und man konnte das Rütteln der Stierhufe und sogar den Flug von fleischfressenden Vögeln, die nach Beute suchten, hören. Zusätzlich wurden auch bekannte und unbekannte Melodien aus Südafrika, Polen, der Ukraine, Österreich und Italien dargeboten.

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Im abschließenden Teil des Konzertes bekamen die Zuschauer noch Astor Piazzollas Tangos, eine wunderschöne Musik für den Abschluss eines heißen Sommertags, zu hören. Die sinnlichen Tanzmelodien erfüllten die Straßen von Jekaterinburg mit Leidenschaft und Emotionen und brachten für jeden kleinen Moment ein starkes Gefühl der Wertschätzung mit sich, welches typisch für die spanische Lebensauffassung ist. Man kann nicht sagen, dass die harten Uralier nicht jede Minute des kurzen Sommers zu schätzen wissen, aber diese Musik lehrt einen, sich jeden Moment noch bewusster zu machen, indem man Sinn in ihm sucht oder ihm manchmal sogar eine neue Bedeutung gibt.

Die vom Oberton String Octet gespielte Musik zeigte die Nuancen verschiedener Zeiten und Räume. Insgesamt ging es jedoch um Menschlichkeit und die Sicht des Menschen auf das Leben. Die verschiedenen Stile der Melodien in diesem Programm erzeugten neue Bedeutungen für viele Dinge im Leben sowie das Verständnis für das Zusammenspiel zwischen einer Komposition und einem selbst.